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24. September 2025

„Es ist wichtig, breit aufgestellt zu sein“

Abschied nach über 20 Jahren – Aufsichtsratsvorsitzender Hans-Ulrich Koch.
Bild: © Privatarchiv Hans-Ulrich Koch

 

Scheidender Aufsichtsratsvorsitzender berichtet über seine Erfahrungen seit 1999

Der Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik, Hans-Ulrich Koch, wird Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke Soest, als die Energiebranche nach der Liberalisierung 1998 mitten in einem epochalen Umbruch steckt. 1999 ist der gebürtige Soester 46 Jahre alt und wird als Neuling im Stadtrat auf Anhieb Vorsitzender. Bei der Kommunalwahl am 14. September 2025 ist das nunmehr 72jährige CDU-Mitglied nicht mehr zur Wahl gestanden. Er verabschiedet sich nach über 20 Jahren des Vorsitzes aus dem Gremium. Für die EnergieNEWS blickt er zurück auf ein Vierteljahrhundert kommunaler Energiewirtschaft mit den Stadtwerken Soest.

 

Herr Koch, Energiewirtschaft ist ein spannendes, aber nicht alltägliches Themenfeld: Wie entstand Ihr erster Kontakt zur kommunalen Versorgung mit Trinkwasser, Strom oder Erdgas?

Hans-Ulrich Koch: Als Elektrotechnik-Ingenieur war ich von Anfang an mit Herzblut dabei. Hinzu kam, dass durch das „Gesetz zur Neuregelung des Energiewirtschaftsrechts“ vom 24. April 1998 in der Branche im Grunde kein Stein mehr auf dem anderen blieb. In dieser spannenden Phase des freien Wettbewerbs – mit all seinen Chancen und Risiken – wollte ich unbedingt in vorderer Linie dabei sein und die Entwicklungen mit prägen.

 

Wie kamen Sie ganz konkret zum Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden der Stadtwerke Soest?

Hans-Ulrich Koch: Das war im Stadtrat in meiner Fraktion durchaus eine parteipolitische Entscheidung. Ich hatte mich fraktionsintern beworben, den Zugriff auf den Posten hatte die CDU – die Kollegen entschieden sich für mich und so kam ich in dieses Amt, das mich jetzt über zwanzig Jahre lang begleitet hat.

 

Sie haben die turbulenten Zeiten der Liberalisierung 1998 angesprochen. Wie äußerte sich dieser Epochenwechsel in der Branche in der täglichen Arbeit?

Hans-Ulrich Koch: Das war eine unheimlich spannende Zeit, denn vorher war ja im Grunde lediglich verteilt worden, worauf man ohnehin autonom Zugriff hatte. Man hatte eine Marge und die wurde eingehandelt. Mit dem Gesetz von 1998 wurde diese schöne, geregelte Energiewelt komplett auf den Kopf gestellt. Wir mussten uns überlegen, wo die Gold-Nuggets liegen, was wir uns leisten können, wo wir Prioritäten setzen? Die Großen, ob RWE, Vattenfall, E.ON oder die EnBW, waren natürlich der Meinung, jetzt käme das Ende der Stadt- und Gemeindewerke, das Ende der kommunalen Versorgung. Die Kleinen könnten das alles nicht, hätten zu wenig Kapital und Expertise. Da haben sie sich gehörig getäuscht (lacht).

 

Ein Aufsichtsratsvorsitzender ist Mittler zwischen dem Gremium, dem Geschäftsführer, dem Bürgermeister und den Mitarbeitenden im Unternehmen. Er vertritt das Unternehmen auch nach außen. War das manchmal schwierig?

Hans-Ulrich Koch: Um ehrlich zu sein, ja. Man hat schon auch durchaus unschöne Dinge erlebt. Ich erinnere mich an einen der größten Schreckmomente, als der damalige Stadtwerke-Geschäftsführer Alfons Bröker bei einer Klausurtagung die Nachricht vom Konkurs eines bedeutenden Stadtwerks in Brandenburg berichtete, dem wir – wie damals absolut üblich – in Stadtwerke-Solidarität finanziell bedeutend unter die Arme gegriffen hatten. Es drohte ein Millionenverlust. Rückblickend kann man sagen, wir haben unser Geld gut verzinst auf Heller und Pfennig zurück bekommen. Darauf bin ich auch heute noch ein wenig stolz. Wir wollten das partout nicht einfach abschreiben.

 

Nach Alfons Bröker haben Sie die letzten mehr als zehn Jahre auch intensiv mit dessen Nachfolger, André Dreißen, zusammen gearbeitet. Worin unterscheiden sich die beiden Geschäftsführer?

Hans-Ulrich Koch: Zunächst mal war Bröker ein Mann aus der Technik, Ingenieur, so wie ich. André Dreißen ist studierter Betriebswirt, war lange als Berater tätig. Für ein erfolgreiches Stadtwerk braucht man beides, technisches und kaufmännisches Verständnis. Als Herr Dreißen in Soest anfing, 2014, da war er 43, brachte die Erfahrung aus Greifswald mit. Die Liberalisierung war anderthalb Jahrzehnte her. Im Grunde genommen gehört er zu einer anderen Generation von Energiemanagern.

 

Sie hatten zahlreiche große Herausforderungen zu meistern – den Neubau des AquaFun, die Corona-Krise, die Kalte Nahwärme-Versorgung im Soester Norden, die Entscheidungen, in die eigene Erzeugung bzw. Speicherung zu investieren – ob in Epe, Lünen, Hamm oder große Projekte in der regenerativen Erzeugung wie der Windpark Borkum II. Was würden Sie sagen, war die anspruchsvollste Aufgabe?

Hans-Ulrich Koch: Ich weiß gar nicht, ob es diese eine große Herausforderung gab in dieser ganzen Zeit. Wichtig war es, ein gemeinsames Verständnis für die Dinge zu entwickeln, unternehmerisch zu denken. Da geht auch mal etwas daneben. Da ist man hinterher schlauer. Aber gut durchdacht auch gewisse Risiken einzugehen, das war im Grunde unser Tagesgeschäft.

 

Wenn Sie jetzt aus dem Amt scheiden, was glauben Sie, wird in Zukunft besonders wichtig bleiben? 

Hans-Ulrich Koch: Das, was wir angestoßen haben mit der Rekommunalisierung – Stichwort Stadtwerke Arnsberg, Schloß Holte-Stukenbrock, Rietberg-Langenberg – weiter auszubauen, zu verfeinern, auch zu verbessern. Die interkommunale Kooperation weiter zu stärken. Die Idee der Energiedienstleistungs GmbH hochzuhalten und weiter voranzubringen. Ein Stadtwerk muss heute so viel mehr können als zu Zeiten vor der Liberalisierung. Unser Unternehmen ist mittlerweile ein moderner Dienstleister, der Energieerzeuger, Wohnungsbauer, Netzbetreiber, Glasfaser-Spezialist oder Energiespar-Experte, Stichwort ASEW-Gründungsmitglied, und kommunaler Verbundpartner, wie in der Trianel, in einem ist. Für eine erfolgreiche Zukunft ist es notwendig, breit aufgestellt zu sein.

 

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger im Aufsichtsrat, aber auch dem Geschäftsführer bzw. den Mitarbeitenden bei den Stadtwerken?

Hans-Ulrich Koch: Meinem Nachfolger im Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden wünsche ich vor allem Gelassenheit und einen Aufsichtsrat, wie ich ihn über zwanzig Jahre erlebt habe, in dem fähige, interessierte und mutige Menschen zusammen kommen, wo man sich gegenseitig mitnimmt, ehrlich miteinander umgeht und ein gemeinsames Verständnis für die Sache entwickelt. In der Geschäftsführung wünsche ich mir weiterhin eine gute Balance aus technischem Know-how und Innovationskraft und gutem Marketing und Investitionsmanagement. Für die Mitarbeitenden wünsche ich mir insgesamt weniger Chaos aus Berlin, verlässlichere und transparentere Entscheidungen. Mehr Nachhaltigkeit in den Positionen. Einen klaren Plan der Bundesregierung. Das hat in den vergangenen zwanzig Jahren leider viel zu oft gefehlt – egal, welche Partei gerade den Kanzler oder die Kanzlerin gestellt hat.

 

Herr Koch, wir danken Ihnen für Ihre Zeit und dieses Gespräch.